Ist dein zukünftiges Elektroauto aus China?
Dass mich Elektroautos aus China eines Tages derart stark beschäftigen würden, konnte ich mir bis vor kurzem kaum vorstellen. Lange Zeit habe ich den chinesischen Markt nur wenig beachtet. Wenn doch, dann vielleicht wegen neuen Ankündigungen von Tesla, oder vielleicht noch wegen Aiways, MG oder Nio, welche den Schritt nach Europa bereits gewagt haben. Allerdings produzieren diese Marken mehrheitlich größere Fahrzeuge.
Ein Hauptauslöser für das erweckte Interesse liegt jedoch an der Tatsache, dass europäische Hersteller im EV-Kleinwagensegment momentan eine klaffende Lücke hinterlassen. Fiat bildet mit dem 500e eine löbliche Ausnahme. Andere neue europäische EV-Modelle sind aber erst Ende 2024 in Sicht. Wird der weltweit größte Fahrzeugmarkt aus China also die Lücke füllen? Ich bin dieser Frage nachgegangen und entdeckte einige spannende neue Details.
Eine neue (Auto)-Welt
Liest man sich etwas ein, öffnet sich einem eine meist unbekannte „Auto-Welt“. Nur über Google und Youtube zu suchen hilft jedoch kaum weiter. Man bleibt in der eigenen westlich angehauchten Blase gefangen. Weiter kommt man mit baidu.com, der chinesischen Suchmaschine im Stil von Google Search. Die chinesischen Websites lassen sich dann mit einem Browser wie z.B. Chrome spielend leicht in deutsche oder englische Sprache übersetzen. Bessere Suchresultate erreicht man jedoch wenn der chinesische Begriff eingeben wird. Dieser lässt sich relativ leicht von einer Website kopieren und ins Suchfeld einfügen. Interessante Fahrzeugtests gibt es auch in chinesischen Videoportalen (z.B. dongchedi.com) zu sehen. In China werden Elektroautos oft unter der Kategorie „New Energy Vehicle“ geführt. Dazu gehören natürlich auch Fahrzeuge anderer alternativer Antrieb. Meist handelt es sich aber um Autos mit reinem Elektroantrieb (BEV).
Ist uns China im Klein- und Kleinstwagensegment voraus?
Die Antwort lautet klar ja. Während sich viele chinesische Kunden über kompakte, preiswerte und praktische elektrische Kleinwagen freuen dürfen, liegt der Fokus in Europa aktuell vor allem auf schweren und wenig city-tauglichen Elektro-SUVs. Das gilt teilweise auch für die neu anrollenden Modelle aus China. Vermehrt sind nun jedoch auch bereits in China gebaute Fahrzeuge in der Kompaktklasse erhältlich (z.B. MG 4 electric). Und erste Klein- und Kleinstautos sind zumindest angekündigt.
Viele europäische Kunden, ich bin ebenfalls einer davon, wünschen sich preiswerte elektrische Klein- und Kleinstwagen. Das Angebot blieb aber bislang sehr überschaubar. Großer Beliebtheit erfreut sich aktuell der e-up! sowie der Fiat 500e. Die Zeiten wo man einen e-up! für 20‘000 Euro (vor Förderung) erstehen konnte sind allerdings längst vorbei und für einen gut ausgestatteten Fiat 500e blättert man auch bereits ca. 30k Euro hin. Etwas günstiger ist der Renault Twingo und der Dacia Spring. Die verbaute Technik ist jedoch schon etwas angestaubt und weckt wenig Begeisterung.
BIld: EQ1 von Chery
In China hingegen sind elektrische Kleinstwagen im PKW-Segment allgegenwärtig und Kunden haben bereits eine beachtliche Auswahl. Zu nennen ist hier z.B. der EQ1 von Chery, einem der renommiertesten Hersteller in China, mit Erfolg gebaut wird. Dieser bietet DC-Ladefähigkeit, 30 kWh Akku und eine allgemein eine gute Ausstattung (auch punkto Sicherheit) an. Preis in China: ca. 10‘000 Euro. Weitere Beispiele sind der e1 von BYD, der BenBen E-Star oder Lumin Corn von Changan oder der EC3 von BAIC. Wer es gerne punkto Ausstattung noch gerne etwas einfacher hat, wird vielleicht mit dem Chery QQ Ice Cream oder dem Honguang Mini EV glücklich. Letzterer verkauft sich besser als das Tesla Model 3 und kostet in China keine 5000 Euro.
Leichtelektrofahrzeuge: Europäische L7e Fahrzeuge punkten mit Innovation
Etwas mehr Bewegung scheint es aktuell im europäischen Leichtelektrofahrzeugmarkt zu geben. So konnte Microlino die ersten Auslieferungen starten und mit dem Silence S04 steht ein weiterer innovativer Hersteller in den Startlöchern. Für 2023 sind jedoch bei beiden Herstellern nur homöopathische Dosen von maximal 5000 Stück geplant. Ab Ende 203 soll dann der Mobilize Duo von Renault (Twizy Nachfolger) noch dazukommen und ab 2024 soll der City Transformer CT-1 aus Israel die urbane Mobilität verbessern. Alle Konzepte punkten mit innovativen Elementen: Der Microlino als Neuinterpretierung des „Bubble Car“ mit Fronteinstieg, der Silence S04 bietet als sogenannter „Nanocar“ auswechselbare Antriebsbatterien und Radnabenmotoren an, der Duo von Mobilize geht mit einem Abo-Modell neue Wege und der CT-1 bietet je nach Geschwindigkeit zwei unterschiedliche Spurbreiten an.
In China ist man etwas weniger extravagant unterwegs, dafür gibt es Leichtelektromobile bereits in deutlich größerer Anzahl. Diese sind oft auch recht gut ausgestattet und bieten z.B. Klimaanlage, Umluft-Funktion und ein kleines Infotainment System mit Touchsceen. Ein Beispiel ist der M2 der Marke „Today Sunshine“. Ein Fahrzeug das sogar die europäische Zulassung hat. Hierzulande aber nur von einigen wenigen Händlern zu nicht mehr ganz so günstigen Preisen (> 15k Euro) angeboten wird (z.B. auf der italienischen Website der Marke). Für einem ähnlichen Preis ist auch der Yoyo von XEV zu haben. Entwickelt wird er in Turin, gebaut in China. Allerdings ist er in Deutschlans noch nicht offiziell vertreten und wird nur über ein Car-Sharing Anbieter in den Verkehr gebracht.
Wer in diesem Segment das Rennen macht, ist m.E. noch etwas unklar. Wer gute Ausstattung resp. den besten Komfort, akzeptable Qualität und Safety-Features sowie ein Service-Netz bieten kann, hat gute Karten. Die meisten Hersteller haben im einen oder anderen Punkt noch Verbesserungspotential. Das Rennen scheint mir in diesem Segment weit offen.
Mittelklasse und Oberklasse: China Importe steigen stark an
Aufgrund der wohl besseren Margen werden aktuell vor allem größere Fahrzeuge nach Europa importiert. Bereits seit einiger Zeit erhältlich ist das SUV U5 von Aiways. Auch MG ist inzwischen in Deutschland mit einigen Modellen der Mittelklasse vertreten. Gerade gestartet in Deutschland ist Nio. Mit dem ET5, ET7 und dem SUV EL7 werden drei größere, gut ausgestattet Modelle angeboten. BYD, zweitgrösser Hersteller von EVs, wird ebenfalls demnächst starten. Angeboten werden sollen zwei SUV und eine Limousine. Weitere chinesische Marken (z.B. DFSK) werden zudem vom deutschen Unternehmen IndiMO Automotive GmbH anegboten.
Aktuelle Situation im Kleinwagensegment (A- und B-Segment)
Die großen chinesischen Hersteller scheinen betreffend Importen von kleineren Fahrzeugen noch etwas zurückhaltend zu sein. Bei der derzeitigen Mangellage an elektrischen Kleinfahrzeugen ist es deshalb nicht erstaunlich, dass kleinere Importeure eine Chance wittern.
Rückblick
In den letzten Jahren gab es bei den elektrischen Kleinstwagen aus China kaum eine Auswahl. Der Zhidou D2 resp. D2S war einer der wenigen der es nach Europa schaffte. Zhidou gibt es seit 2014 und fokussiert sich auf den Bau kleiner zweisitziger Elektrofahrzeuge. 2017 war für das Unternehmen sehr erfolgreich und man produzierte für den chinesischen Markt über 40‘000 Fahrzeuge und wurde damit zum absatzstärksten EV-Hersteller. In Europa wurden von diesem Wagen immerhin einige tausend Stück verkauft. Dann kam aber relativ schnell das Aus und man musste aufgrund interner Management-Probleme 2019 Konkurs anmelden. Dazu beigetragen haben aber auch geänderte Regeln staatlicher Förderungen die 2019 eingeführt wurden.
Elaris
Mit dem Elaris PIO versucht das deutsche Unternehmen ELARIS den Zhidou D2S unter dem Namen PIO wieder neu aufleben zu lassen. Ob das gelingt ist meines Erachtens unsicher. Aktuell wird versucht Zhidou mit Unterstützung eines größeren chinesischen Investors zu sanieren. Wie eine Recherche auf chinesischen Suchportalen zu diesem Thema zeigt, schätzen chinesische Blogger und Journalisten die Chancen eines erfolgreichen Neustarts als schwierig ein. Immerhin: Sollte der Wagen wieder nach Europa kommen, so würden die Euromaster Werkstätten die Auslieferung resp. die Wartung übernehmen.
Mehr Information dazu gibt es auf der Website von Elaris.
Der Zhidou D2S bietet mit 27 kWh eine Reichweite von gut 200km, bietet jedoch nur eine einphasige AC-Ladung an. Sicherheitstechnisch ist er auf aktuellem Stand und bietet ABS, ESP und auch einen Airbag an.
Mit dem Elaris DYO (ehemals Finn) möchte Elaris im Frühjahr einen weiteren interessanten Kleinstwagen nach Europa bringen. Er basiert auf dem E20 der Marke Dorcen. Die Marke welche zu Dacheng Automobiles gehört, produziert den E20 seit 2019, schlitterte aber bald darauf in die Krise und wurde ebenfalls insolvent. Das Unternehmen baut neben dem E20 auch noch zwei Verbrenner SUVs. Aktuell versucht man das Unternehmen zu restrukturieren. Allerdings machen verschiedene hängige Verfahren die Sache kompliziert. Die technischen Spezifikation sind für einen Kleinstwagen sehr vielversprechend. Mit einer Batteriekapazität von über 30 kWh und der Möglichkeit den DYO auch schnellladen zu können, ist er vielseitig einsetzbar. Aber wie schon beim PIO wird entscheidend sein, ob die Produktion überhaupt wieder anlaufen kann.
FreZe Nikrob
Das Auto, welches in China auf den Namen Wuling Hongguang Mini EV hört, feiert in China momentan große Erfolge und steht an der Spitze in den Zulassungsstatistiken. Selbst das Tesla Model 3 ist weniger beliebt. Es ist eines der günstigsten Elektroautos die momentan in China erhältlich sind. Unnötiges wurde konsequent weggelassen. Das könnte auch in „good old Europe“ funktionieren, sagte sich Dartz Motors aus Litauen. Die Firma importiert den Wagen aus China. Damit er die Anforderungen hierzulande erfüllt, werden dem Fahrzeug z.B. noch ein Airbag und europäische Ladeanschlüsse montiert. Angeboten wir er ab 13‘500 Euro vor der Förderung. Erste Autos hätten aber schon vor einigen Monaten ausgeliefert werden sollen. Gemäß der Nikrob Interessensgruppe auf Facebook wurden bislang jedoch noch keine Fahrzeug ausgeliefert.
Hier gibt es weitere Informationen: nikrob.at, FreZe Nikrob Gruppe auf Facebook
Leapmotor T03
Der T03 verkauft sich in China recht gut. Gebaut wird er vom 2017 gegründeten Unternehmen Leapmotor (englische Website). Der Hersteller hat baut ausschließlich Elektroautos und ist bereits drittgrößtes EV-Startup in China. 2021 konnten bereits über 40‘000 Fahrzeuge verkauft werden. Dieses Jahr wird wohl die 100‘000er Marke geknackt werden. Der T03 ist das Einstiegsmodell. Von der Größenordnung her entspricht der T03 einem VW e-up und ist damit als 5-türiger 4-Plätzer ein sehr praktisches Auto im Alltag. Die gut 40 kWh große LFP Antriebsbatterie ermöglicht zudem auch längere Fahrten. Die DC-Ladeleistung beträgt bis zu 44kW. Er soll ab Dezember in Frankreich für 26‘000 Euro in den Verkauf kommen. > Chinesische Website von Leapmotor.
Hier schon mal ein Test-Video von automobile-propre.com:
Mullen I-GO
Mullen ist ein amerikanisches Unternehmen welches aktuell vor allem den Mullen FIVE (Limousine) promotet. Das Unternehmen möchte aber auch bei kommerziellen Auslieferungs-Fahrzeugen Produkte anbieten. So soll der Mullen I-GO demnächst in Europa angeboten werden. Preis: unter 15‘000 Euro. Er basiert auf dem chinesischen Elektrofahrzeug mit Namen Xiaohu FEV (Family Electric Vehicle). Mullen sicherte sich exklusive Vertriebsrechte für mehrere europäische Länder. Angetrieben wird der Wagen von einem 34 kW Motor, die Batterie-Kapazität beträgt 16.5 kWh. Damit sollen bis maximal 150-200 km machbar sein. Das Leergewicht beträgt 765 kg und die Höchstgeschwindigkeit 100 km/h. Das fünftürige Fahrzeug des Herstellers Henan Henrey Shiying Vehicle könnte also auch für private Nutzer interessant sein. Erste Fahrzeuge sollen bereits diesen Monat in Deutschland erhältlich sein.
Fazit
Es tut sich viel und chinesische Elektroautos dürften schon sehr bald in zunehmender Anzahl auf unseren Straßen anzutreffen sein. Einige werden sich jetzt sagen: Ein China-Auto kommt mir nicht ins Haus! Welche Kriterien beim Autokauf zur Anwendung kommen ist immer sehr individuell und die Zurückhaltung bei chinesischen Produkten ist momentan noch verbreitet. Aber es gibt kaum noch Hersteller die keine geschäftlichen Beziehungen zu China pflegen. So produziert auch VW, eine deutsche Traditionsmarke, über 37% ihre Fahrzeuge in China…Am Ende des Tages wird für viele Käufer der Preis und die dafür gebotene Qualität entscheidend sein. Und da punkten viele in China produzierte Modelle bereits heute.

Empfohlene Kommentare