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Tazzari ZERO - Testfahrt und Meinung

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Hallo liebe Leute,

 

gestern hatte ich die Möglichkeit, den Tazzari Zero in Baldersheim bei der Smiles AG (ehemals Citycom) Probe zu fahren. Das Ganze brauchte fast zwei Monate bis die Fahrt tatsächlich zustande kam: Es gibt dort wohl nur einen Tazzari Zero und der ist halt dauernd auf Messen.

 

Und um es vorweg zu nehmen: Ich hätte echt gerne eine Lobhudelei auf den Zero verfasst - aber die Wirklichkeit lässt dies leider nicht zu. :roll:

 

 

Zuerst das Fazit und dann die Erläuterungen:

 

Der Tazzari Zero ist eine gute Idee, die Spitze aussieht, marketingtechnisch (Website) gut rüberkommt und mit den verschiedenen Fahrprogrammen (Rain, Economy, Standard & Race) auch nette Features hat, die Spaß machen könnten. Leider ist das Ganze bezüglich Mechanik, Fahreigenschaften und Motorsteuerung extrem schlecht und schlampig ausgeführt - und somit bei der Smiles AG (CityEl und Reva) richtig aufgehoben. Beim Fahren mit dem Zero drängt sich der Eindruck auf, dass hier Leute, die weder vom Autobauen im Allgemeinen noch vom elektrischen Antrieb im Besonderen eine Ahnung haben, einfach mal ein Auto zusammengeschraubt haben. Hätten sich die Tazzari Leute einfach mal in ein paar existierende E-Mobile gesetzt und deren Fahrverhalten, sowie deren Möglichkeiten kennen gelernt, hätten sie viele der weiter unten beschriebenen Probleme vermeiden können.

 

Schade eigentlich: hätte das Auto in Punkto Verarbeitung und Fahreigenschaften überzeugt, hätte ich sofort eine Bestellung aufgegeben und den Tazzari neben Twike und Citysax zu meinem dritten E-Mobil gemacht. Denn was man auf Website und Prospekten sieht, schaut echt klasse aus und macht richtig Lust so ein Ding zu haben. Ich habe das der Smiles AG auch so mit auf den Weg gegeben und gebeten mich zu kontaktieren wenn das Hauptproblem (Motorsteuerung) behoben ist.

Und, "Ja" - das Twike ist noch klappriger, unpraktischer und schlechter verarbeitet - aber es schaut wenigstens (mit der vollen Innenaustattung) auf eine gewisse Art so aus, als müsse es so sein.

Und vielleicht trägt zu meiner negativen Bewertung auch bei, dass ich in letzter Zeit fast nur Citysax gefahren bin und dieser natürlich als auf Elektro umgerüstetes konventionelles Serienfahrzeug in Verarbeitung und Innenraumdesign und allen Kleinigkeiten viel praktischer ist als der Zero. Und die Motorsteuerung des Citysax ist echt erste Sahne und macht Spaß!

Es ist also alles meine persönliche Meinung - andere mögen das anders sehen.

 

 

Design, Materialien und Verarbeitung:

 

Plus: Das Fahrzeug ist konsequent auf Leichtbau ausgelegt mit viel Alu (unsichtbar) und viel Plastik (sichtbar)- also nur ca. 550 kg inkl. Batterien trotz 175er Reifen. Auf Bildern (und mit viel Glanz etc. hinterlegt) schaut das Ganze echt gut aus. Insbesondere die Fahrzeugform und die vier farbigen Fahrmodus-Tasten machen was her.

Minus: Als ich dann in Wirklichkeit vor dem Wagen stand, war ich geschockt: Das schwarze Plastiktop ist nach nur 2 Monaten stumpf und schaut nicht vertrauenerweckend aus. Die Türen sind zwar "schwer" wie bei einem "Großen", aber klapprig. Die Türgriffe innen (aus Alu) schauen auf dem Prospekt gut aus, in Wirklichkeit (und Zusammenspiel mit dem billig anmutenden Plastik innen an der Tür) eher schäbig. Die Türöffner innen oben an den Haltegriffen der Türen sind gewöhnungsbedürftig und nicht wirklich funktional: Ein minikleiner Hebel muss von unten nach oben gedrückt werden, um die Tür zu öffnen. Im Inneren leider kein Platz für meinen kleinen Rucksack (die freundliche Mitarbeiterin, die mich betreute, sagte nichts von den "Ablagefächern hinter den Sitzen" die ich später im Prospekt entdeckte). Also wieder ausgestiegen und die "Gepäckräume" inspiziert: zu öffnen durch zwei Hebel links unten im Fußraum des Fahrers und vorne im Fußraum des Fahrers wo die Tür angeschlagen ist. Die Hebel stehen etwas raus, so dass man im Laufenden Betrieb sicher daran hängen bleibt. Der vordere Gepäckraum ist sehr klein: Es passen gerade ein Ladekabel und eine große Handtasche bzw. mein kleiner Rucksack rein. Beim Schließen hatte ich das Gefühl, dass die Haube bricht wenn ich jetzt noch stärke drücke bis das Schloß einrastet. Aber die Smiles Mitarbeiterin drückte beherzt drauf und es rastetet ohne Haubenbruch ein. Der hintere Gepäckraum könnte vom Gefühl her 2 Bordgepäck-Koffer aufnehmen. Leider lässt sich die Heckklappe nicht ganz nach oben, nur (erinnerte) ca. 45 Grad öffnen, was (erinnerte) 30-40 cm Platz gibt durch die man flexibles Gepäck einfädeln könnte. Aber eben keine zwei Koffer die man senkrecht von oben reinstellen müsste. Auch ein kleiner 6er-Kasten mit 0,7 l Flaschen wäre somit nicht hineinzubekommen.

Wieder eingestiegen fällt sofort auf, dass die Sitzposition zu hoch ist, was den Schwerpunkt des Fahrzeugs unnötig erhöht. Man sitzt auf den Batterien - aber eben auf einem Sitz der zuviel "Unterbau" hat. Die schwarzen Leder(?)sitze schauen zudem irgendwie ältlich, unförmig aus - sind aber bequem. Sämtliche Schalter, Taster und Knöpfe des Instrumentenbords schauen bunt zusammengewürfelt aus - die länglich herausstehenden Schalter für Nebelscheinwerfer etc. erinnern unangenehm an Apollo 13... Die Taster für vorwärts und rückwärts, sowie die Fahrmodus Taster (farbig) sind aus milchigem Plastik statt klarem Plastik bzw. Glas, was im Vergleich zur Werbung unnötig traurig ausschaut. Das Lenkrad fasst sich gut an und scheint mir groß genug um auch ohne Servolenkung beim Einparken klarzukommen (zumindest für mich als Mann). Im Fußraum ist links und rechts außen eine "Fußablage" aus Metall (Alu?) die den restlichen Fußraum irgendwie billig aussehen lässt. Die Pedale schauen OK aus und fühlen sich beim Treten auch so an.

 

 

Fahrgefühl - mechanisch

 

Plus: Das Fahrzeug hat im Modus Standard gute Beschleunigung (mehr als Twike, etwas besser Citysax oder Citroen Saxo electrique), man erreicht mit Standard und Race schnell 80 km/h, wenn man will bis 100 km/h (mit zwei Insassen auf der Ebene). Die angegebenen 15 kW des Motors bei 550 kg Leergewicht machen einiges möglich. Entsprechend der Fahrzeuglänge und des Radstandes ist die Fahrt etwas hoppelig - aber annehmbar. Dies ist sicher zum Teil den 175er Reifen zu verdanken - die jedoch für ein solches Fahrzeug überdimensioniert sind und unnötig Reichweite kosten.

Das Kurvenverhalten empfand ich als gutmütig und den Wendekreis als klein (man kann auf Landstraßen/Ortsstraßen mit Parkbucht bzw. in einer Abzweigung in einem Zug wenden ohne zurücksetzen zu müssen).

Minus: Das Innengeräusch des Zero ist infernalisch laut! Lauter noch als in einem Twike. Es wurde offensichtlich keinerlei Isolierung zwischen Motor und Innenraum verbaut. Vom vielbeschworenen "lautlosen dahingleiten" in Elektroautos ist hier also nichts zu spüren. Der Standard sind hier immer noch Autos wie des Citroen Saxo electrique oder der Citysax von dem ich anderer Stelle des Forums schrieb, dass es in ihm ist wie in einer alten Rolls Royce Werbung: Man könnte das Ticken einer Uhr hören.

Da fällt es fast schon nicht mehr ins Gewicht, dass die Lüftung (welche nur 2 Stufen hat) schon in Stufe 1 so laut ist wie in anderen Autos Stufe 4. Man hört es ja nur wenn man steht...

Viel schwerer wiegt folgendes: das Bremsverhalten lässt absolut zu wünschen übrig. Es ist völlig unklar, warum ein Fahrzeug mit 4 Scheibenbremsen solch einen langen Bremsweg wie ein Twike hat! Teilweise mag folgendes dafür verantwortlich sein: Zum Einen hat der Zero zwar eine automatische Rekuperation sobald man vom "Gas" geht, die in noch stärker ist als die des Citroen Saxo electrique (ich glaube das ist gemeint wenn von "sportlichem" - also dem Rennsport entlehnten - Fahrverhalten die Rede ist). Aber beim aktiven Bremsen habe ich keine Rekuperation gefühlt und gehört (die Smiles Mitarbeiterin konnte mir dazu keine Auskunft geben). Und die 4 Scheibenbremsen hatten schon kräftig Flugrost angesetzt - außer auf einem relativ schmalen Streifen in der Mitte der Scheiben. Ich gehe also davon aus, dass einfach die Bremsbacken unterdimensioniert sind.

Die Beschleunigung des Fahrzeugs ist, wie gesagt, gut. Allerdings gestaltet sich das Halten einer Geschwindigkeit als beinahe unmöglich. Zwischen sofortiger, kräftiger Beschleunigung und sofortigem, kräftigen Rekuperieren liegt gefühlt ca. 1 cm Pedalweg. Eine Fahrt mit konstanter Geschwindigkeit ist somit nicht machbar: Entweder beschleunigt man, oder bremst ab (mehr dazu beim Thema Elektrik). Das mag auf einer Rennstrecke Sinn machen, wo wirklich nur beschleunigt oder abgebremst wird - aber eben nicht in einer Ortschaft wo man wirklich andere Dinge zu tun hat, als dauernd auf das Gaspedal und die Geschwindigkeitsanzeige zu achten. Das ist gefährlich! Zudem ensteht dadurch die Situation, dass man auch mit 2 Insassen bergab beschleunigen muss, weil man sonst stehen bleibt...

 

 

Fahrgefühl - elektrisch

 

Plus: Das Fahrzeug geht echt ab (Modus Standard und Race) und fährt schön im Modus Economy. "Rain" habe ich mangels Regen nicht getestet - was "Rain" im Fahrverhalten und der Elektrik ändert konnte mir die Mitarbeiterin des Smiles AG leider nicht erklären. Ich gehe davon aus, dass Beschleunigung und Rekuperation abgeschwächt werden.

Minus: Zwei Dinge sind besonders schlimm im "elektrischen" Fahrverhalten: 1) Das schon oben angesprochene Problem, keine Geschwindigkeit halten zu können, weil man immer zwischen starkem Beschleunigen und starker Rekuperation hin und her springt. Vom Gefühl her gehe ich davon aus, dass das Gaspedal den Motorstrom steuert. Das Gleiche Problem bestand bei meinen ersten Probefahrten auch beim Citysax. Dort wurde allerdings die gesamte Motorsteuerung auf eine Drehmomentsteuerung(?) umprogrammiert. Nun reagiert der Motor also beim Drücken des Gaspedals nicht mit Leistungssprüngen und man kann wie bei jedem anderen Auto auch die Geschwindigkeit halten. Beim Tazzari Zero müsste also auch die Motorsteuerung umprogrammiert werden, damit dies möglich wird. Ein kurzes Gespräch mit einem Smiles AG Techniker ergab, dass er glaube, dies sei einfach zu machen, weil die Steuerung eine Tazzari Eigenkreation sei. Und er würde dieses Problem seinen Kollegen mit auf den Weg geben, die in Kürze nach Italien zur Tazzari Schulung gehen. Ich bin gespannt.

Auch die Unmittelbarkeit mir der beschleunigt bzw. rekuperiert wird mag zwar auf einer Rennstrecke Sinn machen, nicht aber im Straßenverkehr. Mein Fahrlehrer sagte immer "Du musst so beschleunigen und Bremsen, das der Oma auf dem Beifahrersitz der Kopf nicht vor oder zurück kippt". Dies ist mit dem Tazzari nicht möglich - man müsste Leistungs-Rampen programmieren, damit nicht sofort die volle Leistung an den Motor geht. Beim Twike ist dies z.B. so gut gelöst, dass man auch mit einer 2-stufigen Taster-Beschleunigung statt einem Gaspedal auskommt.

2) Die viel zu starke automatische Rekuperation und die (laut meinem Gefühl) fehlende Rekuperation beim Aktiven Bremsen. Hier wird unnötig Energie mit Scheibenbremsen vernichtet. Bremsen (elektrisch oder nicht) muss ein bewusster Vorgang sein - und wenn man auch noch bergab Beschleunigen muss wird es grotesk. Auch hier wieder Beispiel Citysax: Die automatische Rekuperation simuliert das Langsamwerden eines Verbrenners im Leerlauf. Die manuelle Rekuperation setzt ein, sobald durch leichtes Antippen des Bremspedals die Bremslichter angehen. Mit dieser Rekuperation kann man die meisten Bremsmanöver absolvieren. Bei stärkerem Bremsbedarf drückt man einfach weiter durch und kann so - mit der mechanischen Bremse - stufenlos die Bremskraft erhöhen.

Es bleibt also noch einiges zu programmieren. ;-)

 

 

Weitere Dinge:

 

* Das derzeitige Fahrzeug hat keine Batterieheizung, ist im Winter also ohne Garage nicht zu gebrauchen. Zumal es wie der Citysax, zwei separate Akkublocks hat: einen vorne beim Gepäckraum und einen unter den Sitzen. Ohne Heizung wird der vordere Akkublock kälter als der im Innenraum, es gibt große Spannungsunterschiede zwischen den Akkublöcken und somit sinkt die Reichweite enorm. Beim Prototyp des Citysax war dies so, mit der nun standardmäßig verbauten Batterieheizung sinken beide Akkus nie unter 18 Grad (was bei Lithium-Eisenphosphat und anderen Li-Akus wichtig ist, weil sie sich bei Kälte fast so schlimm verhalten wie Bleiakkus).

Immerhin wurde das Problem erkannt und eine Batterieheizung soll erhältlich sein - laut mündlichen Einschätzungen der Smiles Mitarbeiter aber wohl gegen Aufpreis...

* Darüber hinaus ist die Reichweitenangabe von 140 km zu bemängeln, da an anderer Stelle im Werbematerial von einem Durchschnittsverbrauch von 13,5 kWh die Rede ist. Mit Akkus die 160 Ah bei 84 V Nennspannung halten kommt man also auf 13,44 kWh Energiegehalt. Man muss nur rechnen. Also auch hier wieder (wie beim Twike und allen anderen E-Mobilen) Reichweitenangaben die man nicht erreichen kann, will man nicht als langsames Verkehrshindernis herumfahren...

* Es gibt keine wirklich aussagekräftige Momentanverbrauchsanzeige. Es fehlen zudem numerische Anzeigen für Batterietemperaturen, momentane Einzelzellenspannungen (Höchste/Tiefste) und geladene/entladene Ah. Nur so ließe sich auf Dauer ein reichweitenoptimiertes Fahren erlernen - und nur so ließen sich im Winter extreme Batterieprobleme vermeiden und sich der kältebedingte Reichweitenverlust einigermaßen selbst einschätzen.

 

Soweit für heute

 

Cheers

 

Franko30

 

 

 

Geschrieben

Vielen Dank Frank,

für deinen ausführlichen Bericht. Ich hatte auch schon längst mal zur Smiles AG nach Baldersheim fahren wollen oder zu Georg Schumacher nach Lorsch um eine Probefahrt zu machen. Ich hatte aber den Termin gedanklich bereits nach hinten verschoben, als ich der Presse las, dass der Motor erst noch an Silent-Blöcken aufgehängt werden soll, um das Geräusch erträglich zu machen.

Es scheint wirklich nicht mehr ZERO als die Prototypen zu geben; je einen bei der Smiles AG, bei Lautlos-durch-Deutschland, in den Niederlanden, in Frankreich und in Texas. Im TWIKE-Center Lorsch haben sie mir erzählt, sie hätten vier Stück bestellt, die kämen Ende Februar, vielleicht wird es März, sie rufen mich an, wenn sie da sind ...

Nach dem was du schreibst, ist der Gedanke an einen ZERO in ganz weite Ferne gerückt. Aber vielleicht tut sich ja bei der Qualität noch was, vielleicht hackt mal jemand die Steuerungselektronik, vielleicht kann man dann einen Tempoamatschalter nachrüsten, vielleicht ... bin ich dann auch wieder dabei.

 

Gruß von Roland, der nach wie vor sein TWIKE 160 am Leben erhält

 

 

Geschrieben

Leider ist das Ganze bezüglich Mechanik, Fahreigenschaften und Motorsteuerung extrem schlecht und schlampig ausgeführt - und somit bei der Smiles AG (CityEl und Reva) richtig aufgehoben.

 

 

 

Hallo Frank,

 

bei dem Satz musste ich zwar grinsen aber dem Vorurteil dass die TWIKEdriver die Nase eher oben haben leistet das doch Vorschub.

 

Für mich ist der Tazzari keine Alternative, geht nicht schneller als das TWIKE, geht auch nicht mehr rein (Personen/Gepäck). Als Neueinsteiger dem ein TWIKE zu gewöhnungsbedürftig ist macht es eventuell Sinn.

Die Sache mit der "harten" Steuerung ist ärgerlich, wenn ich sehe wie viele Parameter man so in dem Berges-Umrichter "verstellen" kann..., da sollten die Italiener nochmal Hand anlegen.

 

Danke auch von mir für Deine umfangreichen Informationen, Gruß Martin

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